Zum zweiten Mal nach 2013 in Irland hatte ich das Glück, einen Platz bei der FISA World Rowing Tour zu ergattern. Schließlich standen nur 70 Plätze für Ruderer aus der ganzen Welt zur Verfügung. Gerudert wurde in 14 sog. Coastal Rowing Boats, gesponsort von der Firma Filippi. Dieser Bootstyp ist seetauglich, weil das Wasser zum Heck hinauslaufen kann.

Untergebracht waren wir in Varese in zwei Hotels, direkt am See gelegen. Von dort aus wurden wir jeden Morgen zum Ausgangsort gebracht und abends vom Zielort wieder zum Hotel zurückgefahren. Frühstück und Abendessen gab es im Hotel, unterwegs kamen wir immer in den Genuss einer Lunchpause mit frischem Obst, Brötchen mit Käse und Schinken und Getränken. Am Zielort warteten ebenfalls kleine Erfrischungen auf uns. Gerudert wird jeden Tag mit neu zusammengesetzten Mannschaften; man ist nie mit jemand zweimal im Boot und rudert auch nicht mit seinem Zimmergenossen.

Am Abend des 12. September trafen nach und nach alle Teilnehmer aus 19 Nationen ein; einige davon kannte ich bereits von Irland. Es gab natürlich ein großes Hallo beim Wiedersehen, insbesondere der letzte Freitag von Irland, an dem die meisten Boote wegen Heftigem Unwetter von der Küstenwache gerettet werden musste, war immer wieder Gesprächsthema. Gegen 20:30 Uhr versammelten wir uns zum Eröffnungsdinner und wurden nochmals auf die Sicherheits- und sonstige Verhaltensregel hingewiesen. Die Neulinge unter uns waren natürlich neugierig, wie so eine Tour abläuft und ließen sich auch gerne von früheren Touren berichten. Selbstverständlich fragte man nach gegenseitigen Bekanntschaften, denn die Welt der Ruderer entpuppt sich doch manchmal als sehr klein.

Am Sonntag, den 13. September, hieß es früh aufstehen, denn schon um 8 Uhr wollten wir mit dem Bus nach Maccagno fahren, wo die Tour nach einer Eröffnungszeremonie im Rathaus starten sollte. Im Rathaus selbst gab es Ansprachen einiger Offizieller, dazu marschierte aus jedem Teilnehmerland eine Person mit der jeweiligen Landesflagge auf. In der Zwischenzeit hatte Petrus die Schleusen geöffnet und es regnete vor sich hin. Manche Teilnehmer hatten nicht einmal Regenjacken dabei, aber man half sich gegenseitig aus. Es folgte die Taufe eines Gig-Dreiers, der aus dem Überschuss der letztjährigen FISA World Rowing Tour in Deutschland auf der Donau sowie einigen Spenden der Teilnehmer finanziert worden war.

Gegen 11 Uhr startete die erste Etappe von Maccagno nach Locarno, die Pause war für Ascona eingeplant. Bei kühlem und regnerischem Wetter waren die Steuerleute natürlich übel dran, denn trotz warmer Kleidung kühlte man schnell aus. Bald merkten wir, dass die Boote zwar optimal für den See waren, aber das große Manko waren die fest eingebauten Plastikschuhe, in die man mit normalen Sportschuhen nicht hinein kam. Entweder mit Neoprenschuhen, barfuß oder mit Socken, eine andere Möglichkeit gab es nicht. Wer keine Neoprenschuhe hatte, erfreute sich nach kürzester Zeit an Blasen an Zehen und Fersen. Diese Wunden zogen sich wie ein roter Faden durch die gesamte Tour, und das Rot-Kreuz-Personal hatte alle Hände voll zu tun, um unsere Wunden immer wieder zu versorgen.

Durch die tief hängenden Wolken war von der Schönheit der Landschaft kaum etwas zu sehen; die Sichtweite betrug manchmal nur 2 Kilometer. So verwunderte es nicht, dass bei der Ankunft in Ascona viele richtig durchgefroren waren. Heiße Getränke hätten uns gut getan, aber leider gab es die nicht. Die Tourleitung hatte ein Einsehen und so wurde die Etappe, soweit möglich, verkürzt. Anstatt von Ascona über Magadino und Tenereo fuhren wir direkt nach Locarno in der Schweiz. Dort erwartete uns heißer Tee, den wir dankbar annahmen. Jetzt klarte das Wetter ein wenig auf und die Sicht besserte sich zusehends. Nach dem Abendessen erfuhren wir, dass für Montag keine Wetterbesserung in Sicht war.

Montag, den 14. September, stand wegen des Regens eine verkürzte Etappe von Locarno nach Maccagno auf dem Programm. Nachdem wir gegen 10 Uhr mit dem Bus nach Locarno gefahren waren, nahmen wir zuerst den Lunch zu uns, ehe wir in die Boote stiegen. Natürlich gab es im weiteren Verlauf keine Pause mehr, dafür war das Wetter sonnig und der Lago Maggiore präsentierte sich in voller Pracht. Mit Alf Martin, Larissa, Anneco und Elisabeth lief das Boot wie geschmiert, und schon war der gestrige Tag beinahe wieder vergessen.

Dienstags stand die Etappe von Maccagno nach Arolo auf dem Programm. Der Himmel war bedeckt, der Wind wehte nur schwach und das Wasser war ruhig. In Caldè wurden wir vom sehr hilfsbereiten und freundlichen Begleitpersonal in Empfang genommen. Diese Personen kümmerten sich nicht nur um die Verpflegung, sondern waren uns auch beim Einsetzen und Ausheben der Boote behilflich. Es gab auf der gesamten Tour nicht überall Pritschen, wir mussten oft am Ufer, egal wie es beschaffen war, ein- und aussteigen. Es gab selbst gekochte Penne al Pomodoro und Kuchen als Nachtisch, abends zum Abschluss nochmals Obst, Pizzabrot und Getränke, sogar traubensaft in Vollendung (=Wein) wurde gereicht.

Am Mittwoch, den 16. September, stand zunächst der Besuch des Eremiten- und Wallfahrts-Klosters Santa Caterina del Sasso Ballaro auf dem Programm, an dem wir gestern vorbei gerudert waren. Wir erfuhren, wie die Einsiedelei um 1170 von dem Händler Alberto Besozzi nach einem Schiffbruch gegründet worden war und dass er danach zum Einsiedler wurde. Auf ihn geht der Bau der ersten Kapelle zurück, der jener der hl. Katharina von Alexandria auf dem Berg Sinai ähnlich sein sollte. Schon während unseres Aufenthalts in der Einsiedelei hatte sich Dauerregen eingestellt, der in der Zwischenzeit noch stärker geworden war. So beschloss die Tourleitung, die heutige Etappe von Arolo nach Sesto Calende zu verkürzen. Wir warteten, bis mittags der Regen nachließ und starteten gegen 12 Uhr. Natürlich hatten wir zuvor unseren Lunch eingenommen. Doch nach der ersten Pause setzte der Regen erneut ein, sodass auch das Schlussstück verkürzt wurde und der Ort Golasecca am Fluss Tessin nicht mehr angefahren wurde.

Am Donnerstag stand dann die Etappe von Sesto Calende nach Pallanza auf dem Programm. Man glaubt es kaum, aber das Wetter war trocken, und der Lago Maggiore präsentiere sich spiegelglatt. Die Wolken hingen allerdings tief, und es war diesig, doch das war zum Rudern das bisher beste Wetter. Nach der Lunchpause in Stresa frischte der Wind deutlich auf; hinzu kam eine zunehmende Anzahl Fährschiffe im Bereich der Inseln Isola Bella und Isola Superiore. Sehenswert auf der Isola Bella sind der Palast und der Park mit der Gartenterasse. Um nach Pallanza zu gelangen, mussten wir jetzt den Lago Maggiore überqueren, und das bei stetig auffrischendem Wind, der das Rudern zunehmend erschwerte. Wir passierten die Isola Madre, die größte der borromäischen Inseln, den Palazzo Borromeo konnten wir jedoch nur vom Wasser aus bewundern. Das Anlegen in Pallanza geriet zum ersten Meisterstück der Helfer: Bis zur Hüfte stehend hielten sie die Boote gegen die Richtung Ufer drückenden Wellen fest und halfen der Mannschaft beim Aussteigen, ehe mit vereinten Kräften die Boote an Land gebracht werden konnten. Da immer nur ein Boot "versorgt" werden konnte, dauerte es ziemlich lange, bis alle Boote an Land waren. Das erforderte nicht nur Geduld der Mannschaften, es musste auch immer wieder die Lage der noch auf dem Wasser befindlichen Boote korrigiert werden, um dem Fährverkehr auszuweichen. Kaum waren alle Boote an Land, hörte es auf zu regnen und die Sonne kam zum Vorschein. In einem nahe gelegenen Café stärkten sich einige dann mit deutschen Bier und Kuchen, bevor es wieder auf die Heimfahrt nach Varese ging. Da wir uns genau auf der unserem Ziel gegenüberliegenden Seite befanden, war es einfacher, mit dem Bus nach Intra zu fahren und von dort die Fähre nach Brenna zu nehmen, wo der große Mannschaftsbus auf uns wartete.

Am Freitag stand die Schlussetappe von Pallanza nach Maccagno an. Mittlerweile schien sich das Wetter stabilisiert zu haben, die Sonne schien, der Wind blies nur schwach. Nach der Pause in Cannero machten wir noch einen Abstecher nach Cannobio. Doch wir hatten die Rechnung ohne den Wettergott gemacht, denn kurz vor dem Anlegen setzte Regen ein und der Wind blies stark Richtung Ufer, was das Anlegen für die Helfer zum Kraftakt werden ließ. Während der Pause konnten wir über dem Lago Maggiore in Richtung Locarno einen doppelten Regenbogen beobachten. Kurz vor der Abfahrt frischte der Wind weiter auf und wir mussten genau gegen den Wind rudern. Je näher wir Maccagno kamen, desto stärker blies der Wind, es waren bereits weiße Schaumkronen zu sehen. In Maccagno an der Anlegestelle mussten wir zunächst warten, weil die Helfer aus Cannero noch nicht da waren. Es gestaltete sich ziemlich schwierig, die Position zu halten, und die Steuerleute mussten bei jedem Wendemanöver höllisch aufpassen, dass die Boote nicht zu lange parallel zu den Wellen lagen, um nicht zu kentern. Wir wurden zwar immer von mehreren Motorbooten, darunter ein Boot der Feuerwehr, begleitet, aber wir waren heilfroh, als wir endlich an Land waren.

Im Hotel erwartete uns zum Abendessen ein Alleinunterhalter, der für Stimmung sorgen sollte. Insbesondere die Frauen wurden nach dem Essen von einem seltsamen Virus befallen, der sie zu merkwürdigen rhythmischen Zuckungen und Verrenkungen verleitete. Die Letzten gingen wohl erst eine Stunde nach Mitternacht aufs Zimmer, schließlich musste am Samstag ja nicht mehr gerudert werden.

Samstags fuhren wir zuerst nach Porto Ceresio, ehe es weiter nach Lugano ging. Dort hatten wir zwei Stunden zur freien Verfügung, die einige zum Shoppen nutzten. Zum Lunch kehrten wir in einem am See gelegenen netten Lokal in Ponte tresa ein. Am späten Nachmittag wurden wir im Rathaus von Luino empfangen. Im Sitzungssaal der Stadt erzählte man uns über die Geschichte der Region, in der natürlich der italienische Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi eine große Rolle gespielt hatte. Abends stieg dann die große Farewellparty in Maccagno, an der auch alle Helfer und Sponsoren vertreten waren. Jedes Land bedankte sich durch einen Beitrag auf seine Art und Weise beim Veranstalter und den Helfern, die in dieser Woche wirklich Großes geleistet hatten. Hatten manche Länder sehr originelle Beiträge zu bieten, so "glänzten" wir Deutschen durch einen ziemlich biederen Gesang. Nach dieser Zeremonie hieß es Abschied nehmen, denn erstens mussten wir ja noch zum Hotel zurück und zweitens mussten einige bereits in aller Herrgottsfrühe aufbrechen, um ihren Zug oder Flieger zu erreichen.

Diese Woche war wie im Flug vergangen; gesehen hatten wir aufgrund des überwiegend schlechten Wetters leider nicht viel. Doch es war schön, alte Bekannte wiederzusehen und neue Freundschaften zu schließen. Schließlich wurde abends beim Dinner nicht nur über Rudern geredet, es wurde auch viel über aktuelle Themen gesprochen. Ich freue mich schon jetzt auf die nächste FISA World Rowing Tour und auf ein Wiedersehen mit alten Gesichtern und auf neue Bekanntschaften. Vielleicht ja bereits im nächsten Jahr im Salzkammergut, wer weiß.